Lenden-Darmbeinmuskel (Iliopsoas) zu schwach?

1 Antwort

Bei den Begriffen, ob ein Muskel kurz, schwach, lang oder dehnfähig ist, wird vieles durcheinander und/oder in einen Topf geworfen, weil umgangssprachliche Bezeichnungen (kurz, lang, schwach …) mit biologischen Fachbegriffen (Muskelkraft, Muskellänge, Muskeldehnfähigkeit) gleichgesetzt werden.

Der Reihe nach:

Die Muskelkraft hängt von der Anzahl der parallel längs durch den Muskel ziehenden Filamente ab, sie ist von der Muskellänge unabhängig:

- viele Filamente = dicker Muskel = hoher physiologischer Querschnitt = starker Muskel = hohe Ruhespannung,

- wenige Filamente = dünner Muskel = niedriger physiologischer Querschnitt = schwacher Muskel = niedrige Ruhespannung.

Die Muskellänge (die funktionelle Muskellänge) wird über denjenigen Gelenkwinkelbereich bestimmt, in dem der Muskel seine Maximalkraft erzeugen kann:

- Der Muskel erzeugt seine Maximalkraft in einem kleinen (engen) Gelenkwinkel (bei eher entdehntem Muskel) = kurzer Muskel. Dieser ist aber nicht zwangsläufig stark.

- Der Muskel erzeugt seine Maximalkraft in einem mittleren Gelenkwinkel (bei mittlerem Dehnungsgrad) = mittel langer Muskel.

- Der Muskel erzeugt seine Maximalkraft in einem großen (weiten) Gelenkwinkel (bei eher gedehntem Muskel) = langer Muskel. Dieser ist aber nicht notwendigerweise schwach.

Die Muskeldehnfähigkeit hängt vorwiegend von der Gewöhnung des Muskels (bzw. der Person) an Dehnbelastungen ab. Die Aussage, ein dehnfähiger Muskel sein lang und ein weniger dehnfähiger Muskel sei kurz beruht auf einer subjektiven Einschätzung, nicht auf einer messbaren Eigenschaft.

Wenn man also umgangssprachlich behauptet, ein Muskel (beispielsweise
der Iliopsoas) sei kurz, kann er entweder

-  von geringer funktioneller Länge

-  oder stark

-  oder wenig dehnfähig

-  oder dies alles mehr oder weniger gleichzeitig sein.

Wenn man umgangssprachlich behauptet, ein Muskel (beispielsweise der Iliopsoas) sei lang, kann er entweder

-  von großer funktioneller Länge

-  oder schwach

-  oder sehr dehnfähig

-  oder dies alles mehr oder weniger gleichzeitig sein.

Nun ja, aber es gibt doch nunmal eindeutig verkürzte Muskulatur, verklebte Faszien etc.

Erkennbar an der Funktionseinschränkung, dem verminderten Bewegungsspielraum, Schmerzen ...

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@RueckenDoc

Nein! Gibt es nicht! Es gibt eindeutig messbare Dehndefizite. Es gibt eindeutig messbare Kraftdefizite. Es gibt eindeutig messbare erhöhte Ruhespannungen. Es gibt subjektiv spürbare Missempfindungen (Dehnungsschmerz Gefühl der Verspannung, Zerrung …). All das wird in den Topf „Muskelverkürzung“ bzw. „verkürzte Muskeln“ geworfen, und dann werden mehr oder weniger fantasievolle Heilmaßnahmen empfohlen.

Konkret ist lediglich die biologische Definition „verkürzter Muskel“, nämlich ein Muskel, der bei Kontraktionstests sein Kraftmaximum in einer gegenüber der Norm entdehnten Situation (verkleinerten Gelenkreichweite) erzeugt.  Abhilfe: Regelmäßiges Krafttraining vorwiegend in einer gedehnten Situation (vergrößerten
Gelenkreichweite). Literatur: z.B.: Aquino CF, Fonseca ST, Gonçalves GG, Silva PL, Ocarino JM, Mancini MC.: Stretching versus strength training in lengthened position in subjects with tight hamstring muscles: a randomized controlled trial. Man Ther. 2010 Feb; 15(1):26-31

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@wiprodo

Gibt es also doch ! Sagst du doch selber: "eindeutig messbare Dehndefizite" ...

Du drückst es nur komplizierter aus ...

Wie auch immer, du weißt ja anscheinend genau, was ich meine. Dann beantworte doch bitte meine Frage bezüglich des Iliopsoas.

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@RueckenDoc

Es ist in der Tat komplizierter, als du dir das denkst. Deshalb kann ich es nicht weniger kompliziert ausdrücken. Ein Muskel mit eindeutig messbaren Dehndefiziten ist NICHT notwendigerweise KURZ!  Ein nach biologischer Definition (s.o.) kurzer Muskel kann unter Umständen sehr dehnfähig sein.

Auch ein Iliopsoas kann kurz oder lang sein. Aber auch ein kurzer Iliopsoas kann überdurchschnittlich dehnfähig sein, er kann sowohl kräftig, aber auch schwach sein. Ebenso muss ein schwacher Iliopsoas nicht notwendigerweise lang sein. Alle diese muskulären Merkmale beeinflussen sich zwar gegenseitig, aber man kann nicht ohne weiteres von dem einen Merkmal auf das andere schlussfolgern, sondern muss jedes Merkmal für sich messen. Dabei ist die Dehnfähigkeit dasjenige Merkmal mit der geringsten Aussagekraft für die übrigen Merkmale.

Also vermeide tunlichst die Aussage, ein Muskel sei kurz oder verkürzt oder lang. Dieses Merkmal lässt sich beim Muskel am schwierigsten messen. Sag einfach, der Muskel sei  dehnfähig oder nicht dehnfähig.

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