koordinationstraining - sensomotorisches training

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2 Antworten

Wenn im Bereich des sportlichen Trainings von „Koordination“ gesprochen wird, dann bezieht man sich auf die „neuromuskuläre Koordination“, die Abstimmung der Funktionen des peripheren und zentralen Nervensystems (einschließlich der Sinnessysteme) und des Bewegungsapparates im Hinblick auf eine zielgerichtete Bewegung. Bei der „Sensomotorik“ ist die Abgrenzung nicht eindeutig, weil es auf die wissenschaftliche Ausrichtung desjenigen ankommt, der zu Fragen der Sensomotorik Stellung nimmt. Aus Sicht der Biologie bzw. Physiologie entspricht die Sensomotorik eher der Lehre der „neuromuskulären Koordination“. Aber die „Sensomotorik“ wird oft ausgeweitet, z.B. auf die bewegungsbegleitenden psychischen Prozesse oder auf philosophisch-weltanschauliche Grundhaltungen. Aus Sicht der Psychologie werden schwergewichtig (interne) Wahrnehmungsinhalte und äußere Bewegungsmerkmale betrachtet. Manche kinesiologische und physiotherapeutische Richtungen verwenden den Begriff „Sensomotorik“ in jeweils spezifischer Auslegung mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung.

Also, „einfach“ ist die Sache überhaupt nicht!

Allenfalls bei Zugrundelegen des Begriffes „neuromuskuläre Koordination“ kann man sich sicher sein, dass es sich bei einem Koordinationstraining um ein Training handelt, bei dem die Abstimmung zwischen dem Bewegungsapparat und den bewegungsrelevanten sensorischen Systemen (visuelles System, vestibuläres System, somatosensorisches System - und somit auch „Propriozeption“) durch geeignete Maßnahmen zum Erreichen einer zielgerichteten Bewegung verbessert werden soll. Ein nahezu gleiches Ziel verfolgt ein „sensomotorisches Training“ auf der Basis der Biologie (Physiologie). Aber schon hier kann es Differenzen in der wissenschaftlichen Abgrenzung geben, indem man z.B. auch die „Bewegungsvorstellung“, also ein Phänomen, dass eigentlich nicht zum Gegenstand der Physiologie gehört, mit in die Betrachtung einbezieht. Somit ist „sensomotorisches Training“ das, was derjenige, der darüber schreibt oder redet, unter „sensomotorischem Training“ versteht. Ein problembewusster Autor macht also stets deutlich, was sein wissenschaftlicher Ansatz ist, und was er unter den verwendeten Begriffen versteht bzw. ob er den Begriffsapparat der Physiologie, der Psychologie oder irgend einer anderen abgeleiteten Theorie verwendet.

In diesem Zusammenhang musst du unterscheiden zwischen „Physiologie“ (= Biologie) und „Physio“ (in etwa = Physiotherapie). Letztere existiert in den unterschiedlichsten Ausrichtungen und philosophischen Grundrichtungen und verwendet oft eigene Begriffe, die teilweise aus der Physiologie entlehnt, aber dem Sinne nach verändert sind. So umfasst „Propriozeption“ in der Physiologie nur die Vorgänge, die an die „Tiefensensibilität“, einer Teilaufgabe des somatosensorischen Systems, gekoppelt sind, während in irgendwelchen physiotherapeutischen Richtungen „Propriozeption“ auch das gesamte Koordinationstraining zusammenfassen kann. Auch Begriffe wie Stabilisation oder Stabilisationstraining sind solche nicht mit der klassischen Physiologie vereinbare Begriffe und können unterschiedliches bedeuten.

Die „Schulung der koordinativen Fähigkeiten“ heißt genau das, was es andeutet, wobei das, was zu den koordinativen Fähigkeiten gehört, auch wieder unterschiedlich definiert wurde und wird. Der Begriff der „koordinativen Fähigkeiten“ gehört nicht in die biologische Sensomotorik, sondern in eine eher pädagogisch oder dialektisch orientierte Bewegungslehre.

Der Begriff „koordinativen Eigenschaften“ ist in der Sportwissenschaft / Bewegungslehre nicht expressis verbis definiert.

Fazit: „Sensomotorik“ ist schlichtweg nicht der moderne Begriff für Koordinationstraining bzw. Propriozeption (s.o!).

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Kommentar von Privattraining
09.05.2013, 10:20

Tut mir Leid, aber das stimmt so einfach nicht.....

Die koordinativen Eigenschaften sind ganz klar definiert und sie sind genau das, was heutzutage im sensomotorischen Training geschult wird.

Gleichgewichtssinn
Balancierfähigkeit
Raumorientierungsfähigkeit
Bewegungskopplungsfähigkeit
Bewegungsharmonisierungsfähigkeit
Rhythmisierungsfähigkeit
Ein- und Umstellungsfähigkeit
Reaktionsfähigkeit
Antizipationsfähigkeit
Kombinationsfähigkeit
Steuerungsfähigkeit
Geschicklichkeit
Wendigkeit
Beweglichkeit

All diese Dinge sind ein Zusammenspiel aus Nerven, Rezeptoren, Muskeln, und Kleinhirn. Das hat früher die "Koordination" gekennzeichnet. Aber man hat die Definition revidiert, weil ein zusätzlicher Faktor nicht berücksichtigt wurde, nämlich die Sinneswahrnehmung.

Es IST dasselbe. Du hast lediglich noch die alten Definitionen im Kopf. Guck Dir die einzelnen Eigenschaften mal näher an - jede davon beinhaltet auch eine "Wahrnehmung".....

.... Du kannst auf keinen geworfenen Pass mit einem Ball reagieren, wenn Du ihn nicht siehst, hörst, riechst, oder sonst was:-)! Die koordinative Fähigkeit der "Reaktion" ist unmittelbar abhängig von Deinen Sinnen.

Darum "Sensomotorik"! PUNKT :-)

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Kommentar von caro65
09.05.2013, 20:13

Danke für Deine superausführliche Antwort (bist Du Prof? kann ich Dich zitieren?;_)

Es erklärt mir wiederum einiges zum Thema, z.b. eben wie es zu den verschiedenen Begrifflichkeiten kommt! Klar, ich recherchier auf Teufl komm raus, und dann liest man mal einen Sport-Text, mal einen Physiotherapie-Text, mal ein Biologie-Buch - und dann kennt man sich nicht mehr aus, was wer meint!

Deshalb: am schönsten find ich diesen Absatz: Somit ist „sensomotorisches Training“ das, was derjenige, der darüber schreibt oder redet, unter „sensomotorischem Training“ versteht. Ein problembewusster Autor macht also stets deutlich, was sein wissenschaftlicher Ansatz ist, und was er unter den verwendeten Begriffen versteht bzw. ob er den Begriffsapparat der Physiologie, der Psychologie oder irgend einer anderen abgeleiteten Theorie verwendet. Das hilft mir wirklich ungemein!!!!

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Hallo,

das ist ganz einfach.....

Früher hiess das propriozeptives Training und Koordinationsschulung. Vor einigen Jahren hat man die Bezeichnungen revidiert, weil ein paar Nerds der Meinung waren, dass diese Ausdrücke dem Ganzen nicht gerecht werden.

Denn bei allen koordinativen Abläufen arbeitet nicht nur die Tiefensensibilität (in Form der Rezeptoren etc.), sondern es beginnt bereits bei unserer Wahrnehmung über unsere Sinne.

Unser Gleichgewicht halten wir z.B. nicht nur deshalb, weil irgendwelche Muskelspindeln aktiv sind. Wir halten es auch deshalb, weil wir mit unseren Augen permanent Bezugspunkte fixieren, die uns helfen im Raum zu stehen.

Daher der Begriff "Sensomotorik" (Senso = Sinn). Das ist lediglich der verfeinerte Begriff der Koordination. Bzw. schliesst dieser Begriff halt unsere Sinne mit ein....

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Kommentar von caro65
07.05.2013, 13:21

danke für Deine Antwort! für mich wird das mit den Begrifflichkeiten leider immer kommplizierter als einfacher ;-( Ich dachte, sensomotorisches Training bezieht sich in erster Linie auf Gleichgewicht (als Basis für Bewegung aller Art) und Stabilisation der Gelenke (Rezeptoren, tieferliegende Muskeln). Wohingegen Koordinatives Training dieses Vermögen auf andere Bewegungsarten quasi überträgt bzw. dafür nutzt und auch die anderen Sinne (Augen, Ohren) miteinbezieht... Ich lieg offenbar falsch damit? ;-(

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