Frage von Langeweile,

Warum im Gesundheitssport dehnen?!

Hallo,

kann mir mal jemand erklären, warum man ausgerechnet im Gesundheitssport dehnen sollte? Die Antwort will mir seit 15 Jahren nicht in den Sinn.....

Wenn ich mich recht entsinne, bewirken Dehnübungen lediglich eine Desensibilisierung der Schmerz- und Spannungsrezeptoren. Was wiederum nur Sinn macht, wenn man überdurchschnittliche Bewegungsreichweiten erreichen will.

Im alltag hat das doch so erstmal keinen Nutzen. Warum dann gerade im Gesundheitssport?

Was passiert denn beispielsweise bei älteren Menschen, die sich in solchen Kursen "beweglich" halten möchten?

Inwiefern macht Dehnen denn im Alltag beweglicher?

Antwort
von wiprodo,

Die auch heute noch anhaltende hohe Wertschätzung des Dehnen im Gesundheitssport resultiert aus der anfangs der 80er Jahre aktuellen Muskelfunktionsdiagnostik nach V. Janda. Diese Diagnostik basierte auf manuellen Prüfverfahren, bei denen mangelnde Dehnfähigkeit mit Muskelverspannungen und Muskelverkürzungen erklärt wurde. Als Behandlungsmethode wurde das Dehnen empfohlen. Da nach einer langfristigen Dehnbehandlung größere Bewegungsreichweiten diagnostiziert werden konnten, schloss man daraus auf eine Absenkung der passiven Muskelspannung und eine Verlängerung des Muskels – ohne dies morphologisch untermauert zu haben. Die Stretchingtheorie von Anderson, B. (1980), verstärkte die Wertschätzung des Dehnens. Beide Theorien beeinflussten die deutsche Physiotherapie nachhaltig. Erstmals anfangs der 90er Jahre wurden von Wydra u.a. (1991) und Wiemann (1991) experimentelle Befunde geliefert, die die vermuteten Effekte des Dehnens (langfristige Reduktion der Muskelruhespannung, Beseitigung von Muskelverkürzungen) in Frage stellten und widerlegten. Obwohl seit dem diese Befunde vielfach bestätigt wurden, hält sich die ursprüngliche (Fehl-)Einschätzung der Dehneffekte in der deutschen Physiotherapie hartnäckig.

Ein Weiteres trägt zur Fehlbeurteilung des Dehnens bei: Auch längere Zeit nach intensiven Dehnmaßnahmen nimmt der Gedehnte (subjektiv) seine Gewebsspannung im Bereich der Muskeln weniger deutlich wahr (er fühlt sich entspannter) und deutet dies (irrtümlicherweise) als Abnahme der Muskelruhespannung. Verbunden mit der in der Frage angesprochenen - auch langfristigen - „Desensibilisierung der Schmerzrezeptoren“ ist dies ein weiterer Grund zur Fehleinschätzung der Dehneffekte.

Somit bleibt als Wert des Dehnens im Gesundheitssport und Alterssport die Erhaltung und Verbesserung der Beweglichkeit sowie eine Steigerung des Wohlbefindens durch ein subjektiven Gefühls des Entspanntseins – immerhin ausreichende Gründe, weiterhin zu dehnen.

Antwort
von wurststurm,

Das hängt wohl vor allem von den eigenen Ansprüchen ab. Wem das nichts ausmacht mit verkürzten Muskeln herumzurennen, was ja nicht nur für Unsportliche oder Alltagssportler sondern auch für praktisch alle Bodybuilder gilt, der soll sich am Leben erfreuen und leichte Haltungsschäden und Unbeweglichkeit in Kauf nehmen.

Kommentar von Langeweile ,

Dehnen beseitigt ja keine Verkürzungen.... Was sind Verkürzungen denn?

Und inwiefern machen sie unbeweglich - was bedeutet das?

Kommentar von Langeweile ,

"Eine scheinbare Verkürzung kann daher nur durch eine ausbalancierte, aufrechte Körperhaltung und den physiologischen Spielraum regelmäßig weitestgehend ausnutzende Bewegungen, sowie gegebenenfalls eine gezielte Aktivierung und Kräftigung zu schwacher Antagonisten behoben werden."

Steht da......

Meines Wissens bringt dehnen da überhaupt nix. Zudem bewirkt es auch keine Veränderung des Bindegewebes und der Gelenkbeschaffenheit, über die Beweglichkeit und Gelenkigkeit ja definiert werden. Ist zumindest mein Kenntnisstand (und auch meine Erfahrung).

Oder wie siehst Du das? Wie äussern sich denn die positiven Effekte in der Beweglichkeit bei Dir, wenn das nicht auf später einsetzende Dehnschmerzen zurückzuführen ist?

Kommentar von wurststurm ,

Meines Wissens bringt dehnen da überhaupt nix.

Ja, diese These schimmert dir von Beginn an durch alle Poren. Und wie bei allen Fanatikern ist jede Argumentation Zeitverschwendung.

Kommentar von Langeweile ,

Nein, ich will es tatsächlich nur hinterfragen und verstehen!

Wenn Du eine Argumentation hast, dann immer her damit!!!!!

Ist mir ganz egal, wer Recht hat. Ich übernehme die plausibelste Erklärung..... Nur bislang erscheint mir das halt nicht wirklich einleiuchtend!

Dehnübungen für ein hohes Maß an Bewegungsreichweite finde ich nachvollziehbar. Aber warum beim Otto-Normal-Verbraucher?

Was passiert denn ohne Dehnung? Du meintest was von Verkürzungen und Beweglichkeitseinschränkungen - wie geht denn das vonstatten?

Die Muskeln werden ja nicht kürzer und die Beweglichkeit ist doch erstmal erblich bestimmt, oder nicht?

Gewöhnt sich das Bindegewebe an Bewegungsarmut oder wie ist das gemeint? Wird es "steifer", wenn man nicht dehnt?

Ich meins völlig ernst.... Wenn Du überhaupt ne Antwort hast, schiess los!

Kommentar von wurststurm ,

Was Otto Sport-Normalverbraucher davon hat habe ich doch gesagt; das hängt von dessen Ansprüchen ab. Wer mit einer geringen Einschränkung der Beweglichkeit leben kann wird wohl sein Leben lang nicht dehnen und es auch nicht vermissen.

Ich selbst dehne jeden Tag etwa 45 Minuten. Das ist leider unumgänglich, denn Beweglichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Leistung im Sport. Schon eine zweiwöchige Pause macht sich deutlich bemerkbar in einer eingeschränkten Beweglichkeit. Die physiologischen Grundlagen dafür kenn ich nicht, sind mir auch egal, ich spüre ja die Auswirkungen. Vermutlich sorgt des zunehmende Volumen des Muskels für eine Verkürzung der Bänder und Sehnen, so wie man einen Luftballon aufbläst und der Hals der Oeffnung immer kleiner und enger wird. Diese verkürzten Bänder und Sehnen sorgen dann für die Einschränkung, ein Prozess dem ich mit Dehnen entgegengewirke, damit ich meinen Sport ausführen kann.

Kommentar von Langeweile ,

Ok, macht ja nix! Trotzdem Danke.....

Kommentar von wiprodo ,

„ Aber warum beim Otto-Normal-Verbraucher?...“ und „...Was passiert denn ohne Dehnung?...“ : Bei zunehmender Bewegungsarmut und/oder steigendem Alter kommt es zu einem vermehrten „Rückbau“ elastischer Gewebsstrukturen (= Inaktivitätshypotrophie). Dieser Prozess lässt sich durch Bewegung und regelmäßiges Dehnen verhindern oder zumindest entschleunigen. Das bedeutet im Alltag und im Alter z.B.: ausreichendes Verdrehen des Rumpfes und des Halses beim Rückwärts-Einparken.

Kommentar von Langeweile ,

Aber dann muss das Dehnen ja doch auch Einfluß auf das elastische Bindegewebe haben...... Ich gehe bislang davon aus, dass das ebenfalls Aberglaube ist. Die Längenveränderungen des Gewebes sind doch nur ein kurzzeitiger Effekt, dachte ich.

Zumindest hab ich auch das irgendwo gelesen und das passt sehr gut zu meiner eigenen Körperwahrnehmung und meinen eindrücken bei meinen Kursteilnehmern. Denen tut das immer gut und sie glauben, dass sie beweglicher werden. Aber eine Woche später quälen se sich wieder genauso rum.

Kommentar von wiprodo ,

Eine nachhaltige Beeinflussung des Gewebes durch (monate- bis jahrelanges) Dehntraining wird tatsächlich immer wieder als Arbeitshypothese geäußert, es ist jedoch noch nicht gelungen, dies nachzuweisen. Warum? Fehlendes Interesse derjenigen Institutionen, die für solch aufwändige Untersuchungen die nötigen Forschungsmittel bereitstellen. Allerdings werden die (vermuteten) Veränderungen des Gewebes bei Nichttraining nicht für immer erhalten, sondern verschwinden langsam wieder, genauso, wie die trainingsbedingte Hypertrophie der Muskelfasern sich wieder zurückbildet. Dabei müsste dieser Rückbildungsprozess aber nicht schon nach einer Woche abgeschlossen sein, sondern Monate bis Jahre brauchen; denn die Halbwertszeit von Kollagen beträgt (so lässt sich nachlesen) rund 40 Tage und mehr, während die Halbwertszeit von Muskeleiweiß nur etwa 10 Tage beträgt. Ich persönlich bin als ehemaliger Gerätturner noch 40 Jahre nach meiner aktiven Zeit deutlich dehnfähiger als der Durchschnitt.

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