Frage von Kyra72, 9

Können Gelenke ausleihern?

Jemand erzählte mir, ein Fauststoß werde dadurch schneller, dass man die Gelenke (oder das Schultergelenk) ausleihern, öffnen würde.
Ist das überhaupt anatomisch möglich? Wie sähe das aus? Ich könnte mir nur vorstellen, dass Bänder ausleihern können, und das wäre sicherlich nicht gesund, oder?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Dino111,

bänder können nicht "ausleihern"- die bestehen aus straffem geflechtartigem bindegewebe aus sogennanten kollagen typ 1 und 6 protein- es gibt angeborene krankheiten wo die kollagensynthese nicht richtig verläuft, sodass so z.b. die glasknochenkrankheit oder auch überbeweglichee gelenke, weil dieses kollagen den bänder fehlt (normalerweise lässt sich kaum dehnen oder bewegen, lediglich elastische fasern die nicht mit kollagen verwandt sind haben diese eigenschaften)

man könnte bänder rausschneiden, das würde jedoch keinerlei einfluss auf die geschwindigkeit auf ein schlag z.b. haben- eher würde es diesen verlangsamen, wenn keine sichere führung der artikulierenden gelenkteile sichergestellt ist.. (von den spätfolgen mal abgesehen)

es läuft alles darauf hinaus, die explosiv-und schnellkraft zu trainieren

Kommentar von Kyra72 ,

Diese, und die Antwort von Gast waren für mich am hilfreichsten.
Ich deine Antwort ausgewählt, da Du das Schulter "schnappen" plausibel erläutert hast. Danke!

Antwort
von ralphp, 9

Mag sein, dass dies theoretisch zu einer gesteigerten Schlagkraft führen könnte, ähnlich einer Peitsche, die man mit genügend Energie knallen lassen kann. Aber in Bezug auf den Kampfsport gibt es hier nur ein klares Nein.

Wenn ein Gelenk ausgeleiert bzw. zu locker ist fehlt diesem jede Stabilität. Bei einem Schlag ist dies oft noch zu vernachlässigen, da bei Schlägen ohnehin die Kraft primär aus eben jener Schnappbewegung, wie sie auch beim Knallen einer Peitsche genutzt wird, erzeugt wird. Wenn es um Fauststöße geht, bedarf es eines stabilen, die Technik stützenden Gelenks.

Was passiert bei einem Fauststoß? Oder anders gefragt: Wie wird die Kraft auf das Ziel übertragen?

Bei einem Fauststoß wird nur dann Kraft auf das Ziel übertragen, wenn der die Technik ausführende die Energie des Fauststoßes auch selbst absorbieren kann. Es gilt auch hier die Physik: Kraft gleich Gegenkraft. Die Kraft geht dabei immer den Weg des geringsten Widerstands. Ist die Faust nicht fest zusammengeballt, wird die Energie des Fauststoßes die Hand und nicht das Ziel zerstören. Ist das Handgelenk instabil, wird es umknicken. Ist das Ellbogengelenk nicht fest, wird die Kraft darüber entweichen und ihre Wirkung nicht im Ziel entfalten. Ist die Schulter locker wird keine Kraftübertragung möglich sein; im schlimmsten Fall wird die Schulter verletzt.

Die Kraft geht von der Faust in das Ziel und wird von diesem zunächst "zurückgeworfen" (Gegenkraft). Diese Gegenkraft erreicht über Hand, Handgelenk, Ellenbogen, Schulter, Rumpf, Bein und schließlich den Fuß, vorausgesetzt es gibt auf dem Weg dorthin keine Schwachstellen. An dieser Stelle ist der feste Stand eine wichtige Voraussetzung, um die Energie des Fauststoßes wirklich auszuhalten und tatsächlich auf das Ziel zu übertragen. Nur wenn dies gelingt, entfaltet die Energie des Fauststoßes im Ziel ihre Wirkung.

Wenn wir dies wissen, so ist unschwer zu erkennen, dass ein instabiles Gelenk (gleich welches) dem Fauststoß niemals zu einer größeren Kraft verhelfen kann. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Der Fauststoß wird sogar erheblich geschwächt.

Unabhängig davon ist ein Öffnen der Schulter auch aus anatomischen Gründen im Regelfall nicht möglich. Das Schultergelenk wird von Bändern gehalten. Bänder wiederum bestehen aus einem straffen Bindegewebe, die sich aber nicht dehnen lassen.

Selbst wenn mit dem Schnappen der Schulter gemeint sein sollte, dass diese in den Fauststoß hineingestoßen werden, also diesen verlängern soll, so wird dabei verkannt, dass durch diese Bewegung die Verbindung zwischen Rumpf und Arm-Muskulatur unterbrochen wird was zur Folge hat, dass nur noch die Kraft des Armes für den Fauststoß genutzt werden kann. Dies wiederum bedeutet eine erhebliche Schwächung der Technik.

Kommentar von Kyra72 ,

Danke für Deine Antwort.
Wie siehst Du das denn nun: Sollte man diesen "peitschenden Faustschlag" trainieren?
Selbstverständlich wird dann so trainiert, dass die Kraft nicht nur aus dem Arm kommst, sondern vom Fuß aus in einer Art Welle über alle Gelenke aufsteigend, bis die Kraft über Handgelenk und Faust (auf den Gegner) übertragen wird.
Anschließend geht diese "Welle" zurück über alle Gelenke bis in den Boden und der gesamte Körper befindet sich wieder in der Ausgangsposition.

Oder hältst Du das für sinnlos wie oben beschrieben, weil Du meinst, da wäre die kinematische Kette dann unterbrochen.

Denkst Du, dieses Training (in die Luft) könnte die Gelenke schädigen?

Kommentar von ralphp ,

Ich würde diesen "peitschenden Faustschlag" nicht trainieren. Dass dieser wirklich funktioniert lässt sich nicht belegen und die Gefahr von Verletzungen ist aus meiner Sicht einfach zu groß.

Außerdem: Beim Schlagen in die Luft kommt es auf das rechtzeitige Abstoppen der Bewegung (besser Anspannung der Muskulatur) an. Erfolgt dies zu spät, wird es zur Überdehnung überwiegend der Ellbogen und Schulter kommen, was sehr schmerzhaft sein kann.

Bitte beachten: Ein Schlag und Fauststoß sind unterschiedlich in ihrer Wirkungsweise. (Rammbock = Fauststoß <> Peitsche = Schlag)

Kommentar von Kyra72 ,

Überdehnung: Was wird denn dann überdehnt, wenn es die Bänder nicht sein können, da diese ja nicht dehnbar sind? Sehnen?

Fauststoß und Faustschlag habe ich hier nicht unterschieden, da ich gelernt habe, dass man immer durch das Ziel schlägt, und nun seit neustem, dass der Arm immer sofort wieder zurückgezogen wird (als Deckung oder Ausgangsposition für den nächsten Angriff...
Das muss so nicht richtig sein... werde nochmals nachfragen...

Kommentar von ralphp ,

Bänder können nicht überdehnen. Aber sie können Schmerzen. Es ist das gleiche Prinzip, dass bei Hebeln funktioniert. Man arbeitet gegen die Beweglichkeit des Gelenks.

Es gibt große Unterschiede: Ein Schlag ist eine Schnappbewegung. Die Faust bewegt sich auf einer Kreisbahn zum Ziel. Schläge werden meist aus dem Ellbogen heraus ausgeführt (vgl. Nunchaku, Morgenstern, Dreschflegel). Bei einem Stoß steht der Körper hinter der Technik. Ein Stoß erfolgt geradlinig (vgl. Rammbock, Schlegel für eine asiatische Tempelglocke).

Was das "durch das durch Ziel hindurchschlagen" betrifft: Ich möchte mal den sehen, de, durch das Ziel hindurchschlägt und dabei tatsächlich Kraft entwickeln kann. Wo ist die Kraft, wenn man durch etwas hindurchschlägt? - Nirgendwo. Kraft im Kampfsport ist so wie alles andere auch den Naturgesetzen unterworfen.

Es geht darum, die Kraft im Ziel zur Entfaltung, sprich also zur Wirkung kommen zu lassen. Dazu braucht man ein Ziel. Und genau an diesem Punkt ist Schluss. Im Ziel 100 Prozent Kraft, nicht vor dem Ziel und auch nicht hinter dem Ziel. Auch ist es nicht möglich, Kraft unbegrenzt weiter zu steigern oder über eine bestimmte Strecke hinweg in gleicher Stärke zu erhalten.

Ich erinnere noch einmal an den Rammbock, dessen Prinzip exakt dem korrekt ausgeführten Fauststoß entspricht. Dieser schwingt, trifft auf das Ziel und entfaltet genau dort seine zerstörerische Wirkung - nicht vor und auch nicht hinter dem Ziel. Ferner wird der Rammbock auch nicht so positioniert, dass er hinter dem Ziel seine Wirkung entfalten, also durch das Ziel hindurchschlagen könnte. Ebensowenig wie es Sinn macht, den Rammbock zu weit entfernt vom Ziel aufzustellen.

Das vielfach das Märchen vom "durch das Ziel hindurchschlagen" verbreitet wird, ist mir ebenso bekannt wie die hierfür angeführten Argumente.

Letztlich muss sich jede dieser Theorien aber an den Gesetzmäßigkeiten der Physik und der Biomechanik messen lassen. Eine korrekt ausgeführte Technik entspricht den Newtonschen Gesetzen und nutzt die Biomechanik optimal aus. An diesem Punkt zeigt sich, dass sich diese Theorien nicht belegen lassen, dass ihnen jegliche Grundlage fehlt.

Der im Kampfsport häufig eingesetzte Bruchtest hat letztlich nur eines zum Ziel: soll zeigen, ob eine Technik im Ziel Kraft entfalten kann. Schlägt man durch das Ziel hindurch, wird der Bruchtest nie funktionieren. Das einzige Resultat ist eine verletzte Hand. Was für den Bruchtest gilt ist im Übrigen bei einem normalen Fauststoß zum Gegner nicht anders.

Im Kung Fu beispielsweise wurde die Kraft eines Schlages auch dadurch getestet, dass man in Richtung auf eine brennende Kerze schlug, wobei der Schlag gerade nicht durch die Kerzenflamme getragen, sondern vorher in ca. 5 cm Abstand seine Wirkung entfalten sollte. Wenn der Schlag oder Fauststoß richtig ausgeführt wird, verlischt die Flamme.

Die Kraft beim Hindurchschlagen durch das Ziel ist ungleich geringer als eine Kraft die direkt im Ziel ihre Wirkung entfalten kann. Ohne exakte Messungen durchgeführt zu haben, wage ich zu behaupten, dass die beim Hindurchschlagen entwickelte Kraft wohl nur bei max. 40 Prozent der Kraft liegt, die ein unter Beachtung physikalischer Gesetze und unter optimaler Ausnutzung des Körpers, seiner Muskeln, Sehnen und Gekenke, ausgeführter Fauststoß haben kann.

Antwort
von TJack,

Gerade das Schultergelenk, das durch eine enorme Beweglichkeit gekennzeichnet ist wird ja weitestgehend von der Rotatorenmannschette stabilisiert. Sind diese Strukturen geschwächt kann es beim Schlagen zum Auskugeln des Arms kommen. Ein Vorteil ist das sicher nicht. Alles was nicht stabil ist, ist speziell im Kampfsport natürlich gar nicht zu gebrauchen. Um die größtmögliche Explosivkraft von Hüfte und Schulter auf die Faust und dann auf den Gegner zu übertragen, sollte der Schulterstabilisation vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden. Sicher nicht mit Übungen zum "ausleihern".

Antwort
von anonymous,

Ich schätze, dieser jemand meinte, dass man die Schulter "schnappen" lassen soll, um mehr Energie in den Stoß zu bringen....

Du hast Recht, ein Gelenk kann höchstens instabil werden, wenn die Bänder nicht mehr genug stabilisieren und das ist ungesund.

Kommentar von Kyra72 ,

Danke für die Antwort.
Kannst Du beschreiben, wie dieses "Schnappen" anatomisch aussieht?

Kommentar von Dino111 ,

anatomisch gesehen ändert sich da gar nichts.. der humeruskopf bleibt schön in seiner gelenkpfanne, stabilisiert durch eine schlaffe gelenkkapsel (mit einem recessus axillaris, das ist eine ausbuchtung der kapsel die einen weiten spielraum zu lässt) und eine gelenklippe aus faserknorpel (labrum glenoidale) sowie sehnen von 4 muskeln (rotatorenmanschette) die in die kapseleinstrahlen und diese besondern vorne und hinen verstäken. wenn du nun die schulter schnappen lasst willst (was auch immer das heißen soll, ich kann mr darunter nichts vorstellen, meinst du einfach ein schneller schlag ?) dann werden diese struktren einfach gedehnt, aber bleiben alle in ihrer position

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community